Premiere auf der Werkstattbühne – Katrin Plötner inszeniert May Frischs Fragebögen
Kann man aus Fragebögen ein Theaterstück machen? Wenn man am Theater Bonn nachfragt, würde die Antwort lauten: Man kann aus allem ein Theaterstück machen, solange etwas dahintersteht. Fragebögen sind einer der wenigen Textstücke, die aus unerfindlichen Gründen oft gerne ausgefüllt werden. Eigentlich dienen sie der reinen Datenerhebung und fordern das preiszugeben, worüber man vielleicht sonst nicht so gerne spricht. Ein Fragebogen kann anonym beantwortet werden, muss es sogar manchmal. Fragebögen tauchen auch immer wieder in der Literatur als Teil eines Romans auf. Einer der berühmtesten Fragebogen-Verfasser ist sicherlich Max Frisch gewesen. Ursprünglich sollten sich diese doch recht ungewöhnlichen Fragebögen nicht verselbstständigen. Als Teil seiner Tagebücher in den Jahren von 1966 bis 1971 waren sie sehr privater Natur. Dass sie aus ihrem Kontext herausgenommen wurden und ohne diesen zu einem eigenen Konvolut zusammengestellt wurden, ist nicht ganz unproblematisch, dennoch erfreuen sich schon seit Jahrzehnten Menschen an seinen Fragen, die in weiten Teilen vor allem eines zu sein scheinen: zeitlos oder aber gerade wieder in unsere Zeit passend. Mit ein paar Abstrichen.
Vielleicht war es dieses zeitlos-zeitgeistige Flair, das die Regisseurin Katrin Plötner dazu veranlasste, ihr Regie-Debüt in Bonn in dieser ungewöhnlichen Form zu geben.
Doch wie setzt man Fragebögen (insgesamt gibt es mittlerweile 14 veröffentlichte Fragebögen) nun szenisch um? Als Ausgangspunkt dient Plötner das, was sicherlich auch Frisch zuerst vorgelegt hat: Ein kariertes Blatt Papier. So sind die Rechenkästchen omnipräsent auf der Bühne (Bettina Pommer). Als Wand und Boden aber auch als geometrische Figuren, scheinen sie die namenlosen Schauspieler beinahe in ein (mathematisches?) Paralleluniversum zu ziehen. Die Spieler verschmelzen mit diesen Rechenkästchen dank der passenden Kostüme (Johanna Hlawica), die dennoch eine individuelle und teilweise konträre Note tragen. So trägt zwar Sandrine Zenner einen Rock, aber ebenso Alois Reinhardt, während Lydia Stäubli einen weit geschnittenen Hosenanzug erhält. Das Setting ist also klar, man bleibt „nah am Text“. So haben auch die SpielerInnen in diesem Sinn keinen eigenen Text, sondern stellen sich gegenseitig nach und nach die Fragen, die sich Max Frisch ausgedacht hat – einfach nur Fragen, keine Antworten. Dass das Ganze nicht eine dröge oder zermürbende Angelegenheit wird, liegt zum einen an den Fragen selbst, die von witzig bis kritisch vor allem viele Überraschungsmomente in sich bergen, zum anderen sind alle SpielerInnen einschließlich Christoph Gummert und Wilhelm Eilers hervorragend darin, die leisen Zwischentöne, den Reiz der Frage durch gekonnte Intonation hervor zu kitzeln. Wer sich also noch nie mit den Fragebögen auseinandergesetzt haben sollte, der wird von Fragen wie „Ist die Ehe für Sie noch ein Problem?“ oder „Können Sie ohne Hoffnung denken?“ die wohlige Erfahrung eines plötzlich aufkommenden Gefühls haben, dass man sich über manche Sachen einfach noch nie Gedanken gemacht hat. Es gibt allerdings auch eine Kehrseite: Dadurch, dass sämtliche Dialoge nur aus Fragen bestehen, ist in diesem Sinn keine Handlung im Stück zu finden. Zwar tut das Ensemble etwas, aber es sind eher assoziative Abläufe, die locker auf die Fragen des Fragebogens zurückweisen, deren große Themen Geld, Glaube, Alkohol, das Verhältnis der Geschlechter, Umgang mit der Natur und Moral umfassen. Dabei werden die Fragen auch provokant aus ihrem ursprünglichen Fragebogen herausgelöst und mit anderen in Beziehung gesetzt. Eine Frage kennzeichnet dabei einen neuen Fragebogen und bildet letzten Endes die zentrale Frage, die bereits die antiken Philosophen so ähnlich formuliert haben: Was fehlt uns zum Glück? – Stille. Diese und alle anderen Fragen, muss jeder Zuschauer sich selbst beantworten.
Ist dieser Abend also zu empfehlen? Für Kenner der Fragebögen von Max Frisch wird wenig Überraschendes dabei sein. Da hätte Plötner vielleicht noch etwas mutiger agieren können. Für diejenigen, die die Fragebögen nicht kennen, kann es eine ohne Drogenkonsum bewusstseinserweiternde Erfahrung werden, die Lust macht, sich näher mit diesen Fragen auch in Zukunft zu beschäftigen.
Rebecca Telöken

