Gedenktag anlässlich der Befreiung von Auschwitz

Ein Konzept von Erwachsenen für Erwachsene?

(Vorschaubild (c) Antonia Schwingen)

Am 27. Januar 2016, anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, veranstaltete die Stadt Bonn in Zusammenarbeit mit der Initiative zum Gedenken an die Bonner Opfer des Nationalsozialismus und dem Theater Bonn eine Gedenkveranstaltung. Ihren Fokus legte die Veranstaltung in diesem Jahr auf die Menschen, die im Dritten Reich Zwangsarbeit leisten mussten.

Erster Programmpunkt ist ein Musikstück, die Polnische Caprice der Komponistin Grazyna Bacewicz, gespielt von Natalia Kadlubicki. Hinter ihr ist eine Leinwand aufgespannt, die den gesamten Bühnenhintergrund füllt und eine Eisenbahnstrecke zeigt, die zu einem Tor führt – das Tor zum Konzentrationslager Auschwitz. Die traurige Melodie, die Reduktion auf ein einzelnes Instrument in einem so großen Raum und das Bild stimmen die Zuschauer auf die verstörenden geschichtlichen Ereignisse ein, denen es an dem Abend zu gedenken galt.

Der Bonner Oberbürgermeister Ashok Sridharan knüpft in seiner Begrüßungsrede an diese Stimmung an. Ein besonderes Anliegen ist es ihm, die Schreckenstaten des Nationalsozialismus mit aktuellen Bildern, Schlagzeilen und Nachrichten zu verbinden. Die Erinnerung solle in die Zukunft hineinwirken, im Hinblick auf die Flüchtlingsströme in unserem Land. Es sei gut, dass an Abenden wie diesen Leidensgeschichten in Worte gefasst werden. So sehe man, wozu Menschen in der Lage sind und das gebe uns eine Verantwortung. Diese Verantwortung möchte der Oberbürgermeister vor allem im gemeinsamen Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit umgesetzt sehen. Er plädiert für ein friedliches Miteinander und die Achtung von Menschenrechten. Dies solle vor allem an die folgenden Generationen weiter gegeben werden, in dem man es ihnen vorlebt. So sollten auch die Silvesterereignisse keine Pauschalverurteilung hervorrufen. Ashok Sridharan untermauert diesen Apell damit, dass er die jetzigen Flüchtlingsströme mit jenen der Nachkriegszeit in eine Analogie setzt. Auch damals suchten viele Verstoßene und Opfer brutalster Taten einen Ort für den Neuanfang. Heute gedenken wir dieser Opfer. Aber man solle nicht heute, auf die Vergangenheit bezogen, hinsehen und morgen, im aktuellen Bezug, wieder wegsehen.

Astrid Mehmel, Leiterin der NS-Gedenkstätte Bonn, folgt in ihrer Rede den Worten Sridharans und erinnert sich an eine Schülergruppe, mit der sie am vorherigen Tag eine Führung gemacht hat. Dort seien auch Flüchtlingskinder dabei gewesen und sie habe hautnah erfahren, wie wichtig es sei, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Neben den geschichtlichen Fakten spricht Astrid Mehmel in ihrer Rede die Intention an, es jungen Menschen zu ermöglichen, sich mit dieser Thematik zu beschäftigen.

Auf diese Aussage hin blicken wir Redakteurinnen uns im Raum um. Von jungen Publikum ist nichts zu sehen! Einzig die Stimme eines dauerhaft quengelnden Kleinkindes lässt darauf schließen, dass sich zumindest ein nicht erwachsener Mensch unter den Anwesenden befindet – und diese eine Person interessiert sich höchstens für das Handy seiner Mutter, aber nicht für unbegreiflich viele Tote in einer Zeit, die dem Kind doch so fern ist.

Immerhin lässt der nun folgende Hauptprogrammpunkt darauf hoffen, dass der von Astrid Mehmel angesprochene Aspekt im Laufe des Abends seine Erfüllung findet: Vorgestellt wird das Projekt von Schülerinnen und Schülern des sog. „Herkunftssprachlichen Unterrichts Polnisch“, die sich mit dem Thema Zwangsarbeit während des Nationalsozialismus beschäftigt haben.

Der erste Teil des Vortrags beginnt, vier Schüler betreten mit schwarzen Mappen die Bühne. Abwechselnd lesen sie Schicksalsgeschichten von Zwangsarbeitern vor, die in Bonn unter unmenschlichen Konditionen arbeiten mussten: Die Mädchen lesen Zitate vor und die Jungen erläutern die Hintergründe erläutern. Trotz der großen Bühne und des großen Publikums (was insbesondere auf vortragsunerfahrene Kinder doch recht einschüchternd wirken kann) trägt jeder einzelne von ihnen seinen Teil höchst professionell vor.

(c) Antonia Schwingen
(c) Antonia Schwingen

Doch wir Redakteurinnen werden bei diesem Programmpunkt stutzig. Ist diese steife Inszenierung wirklich die beste Methode, um die Thematik des Nationalsozialismus an uns junge Menschen weiterzugeben? Können wir nicht mehr, als einen Aufsatz auf einer Bühne vorlesen, der vermutlich nicht einmal von den Referenten selbst geschrieben wurde? Definitiv hätte diesen Aufsatz genauso gut ein Erwachsener vortragen können und damit dieselbe Botschaft transportiert, wie es die Schüler getan haben. Diese Tatsache spiegelt wieder, wie junge Menschen auch meist im Schulunterricht an den Nationalsozialismus herangeführt werden: Ernst müssen wir sein, über derartige Gräueltaten lacht man nicht! Wir Deutschen sind daran schuld, dass Millionen von Menschen getötet und misshandelt oder heimatlos wurden! Seht nur, wie schrecklich das alles war!

Selbstverständlich war die Zeit des Nationalsozialismus tatsächlich eine der grauenhaftesten, menschenverachtendsten und katastrophalsten Abschnitte in der Geschichte der Menschheit, der in keiner Weise zum Lachen ist und sich niemals wiederholen darf – doch ist es denn tatsächlich notwendig, mit jedem Ansprechen dieser Thematik in eine demutvolle Bedrückung zu verfallen, die im Endeffekt doch primär dazu dient, den allgemeinen Erwartungen der Gesellschaft gerecht zu werden? Das sehen wir nicht so. Gerade damit wir, die junge Generation, die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit derartigen Ereignissen entwickeln und auch als Unbeteiligte auf angemessene Art und Weise der Opfer jener Zeit gedenken können, müssen wir die Thematik anders, vor allem mit unseren eigenen Methoden erarbeiten dürfen. Einen Aufsatz lesen – das macht man schon in genügend anderen Schulfächern. Die Jugend muss kreativ werden dürfen. Denn das, was die Schüler an dem Gedenkabend vortragen, ist ein erwachsenes Konzept – von Erwachsenen, für Erwachsene.

Dem Beitrag der Schüler folgt eine Geigeninterpretation des Hauptthemas aus Steven Spielbergs Film Schindlers Liste. Dieser erzählt die Geschichte von dem deutschmährischen Industriellen Oscar Schindler (1908-1974), der im Zweiten Weltkrieg etwa 1200 Juden aus den besetzten Ländern Polen und Tschechoslowakei in seinen Rüstungsbetrieben beschäftigte und damit vor dem sicheren Tod im Vernichtungslager Auschwitz rettete. Die Arbeiter wurden auf mehreren Listen erfasst, die Schindler den Nationalsozialisten vorlegte, wodurch die darauf Genannten unter seinen Schutz gestellt waren.

Noch einmal versammelt sich eine Schülergruppe um das Mikrofon. Diesmal werden Gedichte vorgetragen – zunächst auf Polnisch, dann auf Deutsch. Mit sanften Stimmen und eindringlichen Blicken ins Publikum tragen die Jungen und Mädchen die Texte und die darin enthaltenen Botschaften in den Raum. Die Wirkung könnte nicht unterschiedlicher zu jener des ersten Vortrages sein: Der Wechsel der Sprache und die dialogartige Kooperation der Schüler belebt die Vorstellung, bietet dem Zuschauer Abwechslung und prägt sich dadurch ein. Der Sprachenwechsel verkörpert etwas ausgesprochen Besonderes: Natürlich handelt es sich um vollkommen verschiedene Wortstämme, Betonungen und im einen Fall um eine dem Publikum fremden, im anderen Fall um dessen Muttersprache. Doch irgendwie verschmelzen die beiden Sprachen mit einem Mal zu einem großen Ganzen, vermitteln durch die jeweils höchst einfühlsame und zart klingende Vortragsweise den Eindruck, im Grunde gar nicht so verschieden zu sein. Die Rezitation hat einen ganz entscheidenden Effekt: Man konzentriert sich als Zuhörer nicht darauf, die Unterschiede herauszuhören, sondern die Gemeinsamkeiten. Auf dieser Grundlage gilt es zu bedenken, warum in der heutigen Zeit dennoch so häufig eine Anfeindung zwischen den Nationalitäten vorherrscht – wo wir Menschen doch eigentlich in vielen Punkten vielmehr Eins sein könnten. Der Schlüssel dazu liegt in der Kommunikation, und wir alle verfügen über diesen. Dass sich Sprachen verschieden anhören bedeutet nicht, dass Menschen verschiedener Nationalitäten nicht denselben Schmerz fühlen, dasselbe Bedürfnis verspüren, sich Gehör zu verschaffen.

Auf die kunstvolle Widergabe eines Gedichts von Bruno Schulz durch Robert Höller (Ensemble Theater Bonn) schließt Ashok Sridharan die Veranstaltung mit Dankesworten ab. Er betont, die Schüler hätten zu einer „würdigen Veranstaltung“ beigetragen und die musikalischen Einlagen sie „auf ein besonderes Niveau gehoben“. Wir Redakteurinnen sehen uns an. Diese Auffassung können wir nicht hundertprozentig teilen. Die Interpreten der einzelnen Punkte selbst haben ohne Frage ausgesprochen gut agiert – aber was ist der Maßstab, um eine solche Veranstaltung als „würdig“ zu betiteln? Uns eröffnen sich zahlreiche Aspekte, die es zu verbessern gäbe, um dem anfänglich erklärten Ziel, junge Menschen zu erreichen und zu animieren, selbst aktiv zu werden, gerecht zu werden. Es wäre wichtig, eine neue Stimmung in solchen Veranstaltungen schaffen zu dürfen. Wie wäre es zum Beispiel, die Trauer in ein Bestreben umzuwandeln, gemeinsam, unabhängig von Herkunft oder Religion, zusammen leben zu können? Dieses Miteinander könnte man an solchen Gedenktagen feiern und somit auch mal ein weniger bedrückendes und trauriges Geigenstück auf die Bühne bringen.

Sofia Grillo & Antonia Schwingen

Anekdote:

Lustigerweise ist mir (Sofia) nach der Vorstellung ein sehr exemplarisches Erlebnis für die Überschrift unseres Artikels und die darin enthaltene Kritik passiert: Auf der Damentoilette wasche ich mir die Hände, als eine ältere Frau strahlend auf mich zu kommt und mit einem ermutigenden Lächeln zu mir sagt:, ,Ganz toll habt ihr das heute auf der Bühne vorgetragen, ganz toll war das“. Ich bin kurz verwirrt. Dann verstehe ich: Die Dame denkt, ich sei einer der Schülerinnen vom Hauptprogrammpunkt der Veranstaltung gewesen. Ich bedanke mich bei der Dame, sage ihr aber, dass ich gar nicht auf der Bühne vorgetragen hätte, sondern, wie sie, Zuschauerin gewesen sei. Das verwundert sie etwas. Die Begegnung löst sich. Anscheinend denken noch nicht einmal Erwachsene, dass sich an solchen Abenden Jugendliche ins Publikum verirren könnten. So müsste nach Auffassung der netten Frau der einzige Grund eines Jugendlichen, die Veranstaltung zu besuchen, eine obligatorische Aufführung gewesen sein. In diesem Punkt scheinen sich also jüngere und ältere Generation einig zu sein. Die Veranstaltung war für Erwachsene gemacht! – Warum nicht gemeinsam etwas daran ändern?

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