Kerntraum im Container

(Vorschaubild ©Thilo Beu)

Mit ihrem Einpersonenstück TRAUM VON OLYMPIA (Sa, 15Uhr / So, 14:40Uhr und 16:30Uhr) beschreibt Nadine Schwitter die einzigartige Geschichte einer jungen somalischen Sprinterin. 

Theatral: Die Graphic Novel DER TRAUM VON OLYMPIA von Reinhard Kleist erschien erstmals Ende 2014 – zuerst als Comicstrip in der FAZ und dann Anfang dieses Jahres in Buchform. Wie bist du darauf gestoßen?

Nadine Schwitter: Angela Merl vom Theater Bonn hat mich angesprochen, ob ich darüber einen Abend machen möchte. Sie kannte das Polenta-Kind von mir [Anm. der Red.: Nadine Schwitters Stück WARUM DAS KIND IN DER POLENTA KOCHT], bei dem ich viel mit Figuren, Dia, Video und Tonelementen gearbeitet habe. Dieses Verspielte hat sich sehr angeboten für eine Comic-Inszenierung. Erstmal habe ich es mir durchgelesen und war sehr beeindruckt von Samias Fluchtgeschichte. Vor allem, weil man sonst zwar viel von der Flucht über das Meer hört, aber nicht viel darüber, wie zum Beispiel die Etappe in der Wüste war. Es wurde im Comic plötzlich bebildert, da kriegt man einen Einblick in die Flucht. So bekommt die ansonsten anonyme Masse durch Samia auf einmal ein Gesicht. Doch eigentlich hat jeder Mensch, der flüchtet, eine ganz individuelle Geschichte, die aus der Masse herausragt – wenn wir uns nur die Zeit nehmen, sie anzuhören.

Theatral: Es wird die Lebensgeschichte der jungen Sprinterin Samia Yusuf Omar erzählt, vor allem ihr Fluchtversuch. Was sind für Dich die herausstechenden Momente?

Nadine Schwitter: Die Flüchtlinge müssen wahnsinnig zäh sein, um ihre Flucht zu schaffen. Sie müssen einen Kerntraum haben, an dem sie sich festhalten. Sie resignieren nicht und geben nicht auf. Das ist wirklich das, was mich am meisten berührt. Und dann noch die Kraft zu haben, hier ein neues Leben aufzubauen, das ist wirklich unglaublich!

Theatral: Wie bist du an das Thema herangegangen? Wie hast du damit begonnen, aus dem Comic ein Stück werden zu lassen?

Nadine Schwitter: Normalerweise arbeite ich sehr stark mit der Herkunft der Figuren. Für mein Polenta-Kind bin ich nach Ungarn und Rumänien gereist, habe da Filme gedreht und Tonspuren aufgenommen, Fotos und Diafotos gemacht und damit den Abend angereichert. Man hat somit ein großen bunten Koffer, aus dem man schöpfen kann. Hier, in Anbetracht der wenigen Zeit, war das nicht möglich. Dennoch haben wir uns mit Somalierinnen getroffen und ich habe Tonaufnahmen gemacht, die so ein bisschen hereinführen. Ich habe viel gelesen. Es gibt einen Roman, der Samias Lebensgeschichte erzählt. Der war sehr hilfreich, daraus habe ich sehr viel genommen. Wir haben Vorproben gemacht, vier Tage lang, wo wir improvisiert und verschiedene Mittel ausgetestet haben. Ursprünglich wollte ich mit Live-Kamera arbeiten. Als ich gemerkt habe, dass die Schauspielerin auf der Tonebene sehr stark ist, habe ich mich für Hörspielemente entschieden. Aus diesen Vorproben und nach dem Buch und dem Comic habe ich einen Text geschrieben. Den haben wir zusammen umformuliert und kürzen jetzt immer noch. Es ist mehr die Dramaturgie, die ich bestimmt habe.

Theatral: Wie hast Du es umgesetzt?

Nadine Schwitter: Wir haben geguckt: Wie wohnen die Flüchtlinge, bevor sie auf’s Meer gehen oder wie sind diese Unterkünfte, diese Apartements, wie sehen sie aus? So ist der Container entstanden. Der Container kann an verschiedene Orte gehen, er geht in Schulen und kann auch verschifft werden, wenn es sein soll. Nähe ist sehr wichtig für mich. Dass die Zuschauer wirklich ganz nah an der Schauspielerin sitzen und dadurch die Emotionen ganz anders miterleben. Es ist, als würden wir zusammen im Wohnzimmer sitzen und jemand erzählt die Geschichte. Das ist auch das, was mich berührt, wenn ich mit Flüchtlingen spreche, es gibt eine unglaubliche Nähe.

Theatral: Was hat dich besonders gefordert bei der Stückentwicklung?

Nadine Schwitter: Man muss sich in solche Situationen hineindenken, eintauchen, und dann wieder rauskommen, so dass man es vermitteln kann. Ähnlich wie bei den Geschichten, die die Flüchtlinge nach der Reise erzählen. Dass es sie immer wieder aufwühlt – wie ein Meer das manchmal unruhig wird – und sie dann aber oft wieder ruhig weiter erzählen können. Hier in dem Stück springe ich in den Zeiten. Es spielt im Jetzt in Tripolis in Libyen, aber Samia steigt zum Beispiel auch immer wieder ganz in die Zeit in der Wüste ein.

Theatral: Was glaubst du, welche Gefühle das Stück auslöst?

Nadine Schwitter: Ich möchte, dass vor allem die jungen Zuschauer ein Mitgefühl kriegen für diese Geschichten und viel mehr noch für die Menschen. Dass Vorurteile zurückgehen. Dass den Menschen, die eine solche Reise hinter sich haben, Respekt und Achtung entgegengebracht wird. Das ist mir ganz wichtig. Das Stück vermittelt natürlich auch enorm, wie jemand ganz viel Energie reingibt, um sein Ziel zu verwirklichen. Das ist ein sehr schöner Impuls für junge Menschen: Dass jemand etwas hat, was er richtig gut kann, in Samias Fall das Sprinten, und dafür über alle Grenzen geht.

Anna E. Poth

Nadine Schwitter, geb. 1982, ist Schauspielerin und Regisseurin. Ihr erstes eigenes Stück, WARUM DAS KIND IN DER POLENTA KOCHT, war in der Spielzeit 13/14 auch am Theater Bonn zu sehen.

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