Circe: Love is the most cunning curse

Aufführung der BUSC und CIRCE Theatre e.V. in der Brotfabrik Bonn

Einsam stehen die abgebrochenen ionischen Säulen auf der Bühne, noch haben die Götter des Olymps nicht zu Tisch gerufen, noch steht Prometheus nicht vor ihrem Richterstuhl und muss sich das Urteil über seine Freveltat, den Menschen Feuer und mit dem Feuer die Hoffnung gebracht zu haben, anhören. Er hat nur eine Sympathisantin: Circe, Tochter des Helios (Chris Weber), Schwester der Pasiphaë, die den Minotaurus gebar, Tante der Medea, die ihre Kinder aus Hass auf ihren Ehemann tötete und der Ariadne, die Theseus helfen wird, den Minotaurus zu töten.

Circe in Rage. Die Zauberin kann auch anders. Foto: @ greta.takes.a.pic

Circe (Rebecca Dasenbrock) ist in der von Sepideh Tafazzolis verfassten Neuinterpretation der klassischen griechischen Mythologie im Umkreis der Odyssee zur Hauptfigur geworden, als eine noch unerfahrene, aber mitfühlende Junggöttin, die sich mit ihrer göttlichen Familie nicht recht identifizieren kann, dafür aber am Schicksal der so kurzlebigen Menschen Interesse findet. Prometheus Worte berühren ihr Herz und so dauert es nicht lange, bis sie sich in einen sterblichen Menschen verliebt, wie es Ovids Metamorphosen erzählen, in den einfältigen Fischer Glaukos (Nin Reckermann). Diesem gibt sie, damit er auf ewig bei ihr bleiben kann, ein magisches Kraut, womit er zum Gott wird. Doch anstatt sich nun Circes Liebesbeschwörungen hinzugeben, läuft der Undankbare der hübschen Nymphe Skylla (Lisa Neunkirchen) hinterher. Aus Rache für diesen Liebesverrat verwandelt Circe Skylla in ein Seemonster (jenes, dem auch Odysseus begegnen wird). Als Strafe dafür, dass sie ihre Zauberkraft missbraucht hat, wird nun wiederum Circe von ihrem Vater Helios auf die Insel Aiaia verbannt. Ein Paradies, das nur von Besuchen des nervigen Götterboten Hermes (Konstantin Rasanis) oder ihrer Nichte Medea, die mit Jason auf der Flucht ist, gestört wird. Dort begegnet sie dem gestrandeten Odysseus (Robin Hemmersbach), verliebt sich in ihn und er (ein wenig) in sie, aber auch er verlässt sie nach einem Jahr für seine Frau Penelope und seinen Sohn Telemachos, den er noch nie gesehen hat.

Bis hierhin folgt Sepideh Tafazzoli mehr oder weniger Homers antiker Vorlage, wozu die Geschichte mit Prometheus allerdings nicht zählt. Tafazzoli bedient sich im Weiteren verschiedener anderer antiker, aber auch moderner Interpretationen um Circe. An den Bestsellerroman „Ich bin Circe“ von Madeleine Miller, erinnert die Idee, dass Circe die auf ihrer Insel gestrandeten Gefährten des Odysseus deshalb in Schweine verwandelt, weil die ersten Seeleute, die auf ihrer Insel strandeten, versucht hätten, sie zu vergewaltigen, woraufhin sie aus Vorsicht alle Neuankömmlinge in Tiere verzaubert.

Circe hat viel Mitgefühl mit den leidenden Menschen.
Foto: @ greta.takes.a.pic

Nach dem Weggang des Odysseus würde die Geschichte von Circe nach der klassischen Überlieferung ihr Ende finden, doch Tafazzoli greift auf einen verlorenen, nur in einer Zusammenfassung überlieferten Text mit Namen Telegonie (6. Jh. v. Chr.) zurück, der die Ereignisse weiterspinnt. In diesem wird erzählt, dass Odysseus einen Sohn mit Circe hatte: Telegonos (Julius Hesse). Aus der Zauberin wird eine Mutter und ihre Mutterschaft bildet bald das neue zentrale Thema, da es ihr Wesen noch einmal verändert, so wie ihre erste Liebe sie verändert hatte.

Dieser geliebte Sohn zieht im jugendlichen Übermut aus, um den unbekannten Vater zu sehen, kommt in Ithaka an, erkennt den Vater nicht, töten ihn aus Unkenntnis und bringt daraufhin Telemachos (Alistair Erdweg) und Penelope (Isabell Piroth) zu seiner Mutter, zusammen mit Odysseus’ Leichnam. In der antiken Vorlage endet das Szenario in einer für heutige Rezipienten seltsam anmutenden Doppelhochzeit, in der jede Mutter den Sohn der jeweils anderen heiratet. Bei Miller heiratet Circe ebenfalls Telemachos und zudem wird die Scylla von ihrem Fluch erlöst. Sepideh Tafazzoli jedoch hat sich für ein weniger rührendes Ende entschieden. Sie lässt die Geschichte so enden, wie sie ihren Anfang nahm: mit einem Racheakt. Als Telegonos mit seinem Freund Telemachos auf eine neue Abenteuerfahrt geht, wird er von der Skylla getötet.

Bei Tafazzoli steht letztlich keine Siegerin auf der Bühne, sondern eine Frau, die erst zu dem werden konnte, was sie ist, weil sie diese vielen auch schmerzvollen Erfahrungen gemacht hat. Trotz des Verlustes ihres Sohnes kann sie Frieden mit sich, ihrem vergangenen Ich, das Fehler begangen hat, und ihrem jetzigen Ich schließen, da sie viele Dinge nun besser versteht.

Durch die Zusammenführung der verschiedenen Erzähltraditionen und der modernen, meist feministischen Interpretation, lässt Sepideh Tafazzoli ein vielschichtiges Bild der Circe entstehen. Durch den von allen Vorlagen abweichenden Schluss findet sie auch eine bessere Begründung dafür, warum Circe sich am Ende dafür entscheidet, fortan ein menschliches Dasein zu führen. Sie hat alle Erfahrungen als Frau und Göttin bereits durchlitten und das Gottsein führt einen großen Nachteil mit sich: Der Preis der Unsterblichkeit ist, nicht vergessen zu können.

Das anfangs erwähnte karge Bühnenbild wird nach und nach kreativ umgestaltet. Das zentrale, die gesamte Erzählung begleitende Motiv ist das Meer. Es ist nicht zu sehen, aber sein Rauschen zu hören. Das Meer ist wie ein Spiegel der Seele Circes und zugleich bringt es ihr Liebe und Tod. An das Meer erinnern auf der Bühne große aufgespannte Segel, die zugleich als Bühnenbild dienen: mit wenigen Farben sind allerlei Tiere und Bäume, die das Inselleben prägen, dargestellt.

Der Chor, allgegenwärtig Foto:@ greta.takes.a.pic

Zugleich eifert Tafazzoli auch der Form des antiken Theaters nach, wenn sie den handelnden Figuren einen kommentierenden und prophezeienden Chor zur Seite stellt, bestehend aus vier Frauen (es spielen: Hannah Ameye, Mia Ruppert, Elen Carbonari, Leonie Kornel, Anna Haskaj). Sie sprechen Texte von sprachlicher Kraft und Schönheit, mit denen die etwas einfach gestrickten Dialoge bzw. Monologe der Hauptfiguren ausgeglichen werden.

Rebecca Dasenbrock als Circe hat ihre Rolle voll im Griff, der Text sitzt und sie spielt wohldosiert die große Zauberin, die das Leben auf die härteste aller Weisen kennenlernt. Neben ihr und dem gut abgestimmten und zusammenspielenden Chor haben alle weiteren Rollen eher kurze Auftritte, was auch an Tafazollis vor allem gegen Ende immer kürzer werdender Szeneneinteilung liegt. Wie im Zeitraffer reihen sich die Ereignisse aneinander, hier hätte ein bisschen mehr „Erzählung“ gut getan, auch um das Geschehen nicht fragmentarisch erscheinen zu lassen.

Besondere Freude lösten die Auftritte von Konstantin Rasnas als Hermes beim Publikum aus, der durch Purzelbäume und sein freches Mundwerk punktete. Diari Salih sprach den leidenschaftlichen Text des gestraften Prometheus überzeugend und brachte so das Publikum gut in das Stück hinein.
Herrlich unsympathisch spielte Clara-Sophie Bibow Circes Nichte Medea, deren Art von Liebe, die sich später als tödlich erweisen wird, Circe von Anfang an abstößt.

Die Illusion von Olymp und göttlichem Eiland wäre nur halb so lebendig gewesen, wenn nicht Julia Egido, Leilani Basu-Weidner und Cynthia Ohliger in verschiedenen kleineren Rollen als Götter und Seemänner unterstützt hätten und letztlich ist es Vanessa Basilio de Luca zu verdanken, dass der Chor durch seine Tänze eine mystisch-unheimliche Präsenz auf die Bühne gezaubert hat.

Zum ersten Mal wurde ein englischer Theaterabend in der Brotfabrik medial unterstützt: Für diejenigen, die sich in der englischen Sprache nicht so heimisch fühlen wie das Ensemble, gab es eine synchron mitlaufende Übersetzung auf einem Bildschirm, was besonders für die schwierigeren Textpassagen des Chores sinnvoll war – vielleicht eine Möglichkeit, auch bei den zukünftigen anspruchsvollen Shakespeare-Stücken noch mehr Publikum ins Theater zu locken.

Der Abend zeichnete sich durch seine klare Erzählstruktur und das harmonische Miteinander von Bühne, Kostüm und Spiel aus. Die verschiedenen Ideen wurden sinnvoll miteinander verknüpft, das Ende ohne „Wohlfühlschluss“ setzt sich deutlich von den Vorlagen ab. Allerdings hielt der Spannungsbogen nicht immer. Selbst bei entscheidenden Wendungen und Perspektivwechseln (wie etwa der Erzählung von der Vergewaltigung) sprang der emotionale Funke nicht immer zum Publikum über. Dennoch ist hier nicht nur ein klug gestaltetes Stück zu sehen, sondern auch eines, das die Zeitlosigkeit antiker Stoffe wirkungsvoll vor Augen führt.

Rebecca Telöken

Circe - Eine Kooperation von BUSC und CIRCE Theatre e.V.
Foto: @grata.takes.a.pic
Familien sucht man sich nicht aus und manche können wirklich unangenehm sein. Prometheus vorm Familiengericht.
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