Premiere von Einfach das Ende der WELT
Während der Zuschauerraum sich allmählich füllt, herrscht auf der Bühne bereits reger Betrieb. Neben einem verlassen und heruntergekommen wirkenden Modellhaus malen in der einen Ecke drei Kinder fröhlich Bilder, auf der anderen Seite sitzen vier Erwachsene am Frühstückstisch und betreiben belanglose Konversation. Unbemerkt, da alle Augen auf die Bühne gerichtet sind, mischt sich der fünfte im Bunde unter die Zuschauer. Blass, mit langem, vom Gel strähnigen Haar, im grauen Trenchcoat mit unpassend bunter Krawatte. Er ist höflich, aber zurückhaltend. Wenn man den Schauspieler Christian Czeremnych nicht kennt, geht er in der Masse der Zuschauer auf.
Plötzlich tut sich etwas. Die Kinder treten nach vorne und erzählen dem gespannten Publikum etwas von dem Entfesselungskünstler Houdini: Sich zu befreien bedeutet, dem Tod zu entrinnen. Darauf erhebt auch Czeremnych die Stimme: Er heißt Louis, ist 34 Jahre alt, Schriftsteller und er leidet an AIDS und wird bald sterben. Diese Nachricht will er seiner Familie überbringen. Sein Problem: Er verschwand vor 12 Jahren von Zuhause, als sein Vater, ein typischer Arbeiter ohne Geld, starb und seine Mutter und seine Geschwister zurückließ. Nur zu Geburtstagen schickt Louis Postkarten, um so zu zeigen, dass er lebt. Immer nur ein paar Zeilen ohne Adresse, eher ein Zeichen von Pflichtgefühl als von Verbundenheit.
So fällt auch das Familientreffen nach der langen Trennung mehr als nüchtern aus. Die Stimmung ist angespannt, sogar feindselig. Alle sind einander fremd geworden und überfordert. Deutlich zeigt es sich in der Körpersprache: Wenn jemand auf Louis zugeht, weicht dieser zurück. Umarmungen sind ihm unangenehm, aber auch umgekehrt ist z.B. seine Mutter nicht in der Lage ihm den Rücken zu streicheln, als er tatsächlich einmal weinen muss. Nur zur Schwägerin Kathrin ist er etwas offener. Aber auch hier sind die Gespräche unbeholfen.
Mit seinen wenigen Worten, seinem Schweigen auf ihre Fragen entfacht Louis zusätzlich den Zorn der anderen Familienmitglieder.
Irgendwann platzen die Vorwürfe einer nachdem anderen aus ihnen heraus.
Seine Schwester Susanne schwankt zwischen Freude – der Bruder ist ihr fast unbekannt, aber wie eine Lichtgestalt- und Wut, weil er schuld daran sei, dass sie nie von zuhause wegkam, die Mutter dann ja allein gewesen wäre. Sein Bruder Anton hat hingegen alle Sympathie für seinen Bruder verloren, er wirft ihm am Schärfsten seinen Weggang noch mehr aber sein plötzliches Auftauchen vor. Selbst sein in einem selten ruhigeren Moment fürsorglich klingender Satz „Ich habe Angst, dass dich wirklich niemand liebt“ demonstriert Antons eigene fehlende Liebe dem Bruder gegenüber. Selbst die Mutter kann diesem Besuch nichts Gutes abgewinnen. Sie wirft ihrem Kind seine Abwesenheit vor, wenn sie auch betont, seine Entscheidung immer vor seinen Geschwistern gerechtfertigt zu haben.
Er wirkt wie der Inbegriff des anderen, des intellektuellen Lebens, das sich von ihnen möglichst weit entfernt hat. Während Louis alle Vorhaltungen und Lebensgeschichten seiner Familie über sich ergehen lässt, wird immer deutlicher, dass sie sich für sein Leben nicht interessieren, da sie es bereits zu kennen glauben. Schließlich gibt Louis es auf, sein Anliegen, weswegen er überhaupt gekommen ist, mit seiner Familie zu teilen.
Kontaktabbruch zur Familie ist ein wachsendes Phänomen, das in den Social Media Kanälen mit „Going no contact“ bezeichnet wird. Jeder fünfte Mensch weltweit (Angaben ZDFheute online vom 18. Juni 2025) bricht den Kontakt zu mindestens einem Familienmitglied ab. Der Autor Jean-Lic Lagarce widmet sich also in seinem Stück ein für unsere Gegenwart immer zentralerem Problem. Seine Erfahrungen fließen in sein Stück ein, da er selbst mit 38 Jahren an AIDS starb. Wie bedrückend selbst Kindheitserinnerungen für Betroffene sein können, inszeniert Regisseur Max Lindemann sinnbildlich bei einem harmlosen Spiel mit Papierflieger, die von den Kindern auf Louis geworfen werden. Was anfangs noch Tollerei ist, wird schließlich zur Schmerzprobe. Leder Papierflieger, der ihn trifft scheint sich wie eine Nadel in seinen Körper zu bohren. Die Schmerzen stammen aber auch von seiner Krankheit, die sich weiter durch seinen Körper frisst.
Die Stärke des Stücks liegt in seiner Unversöhnlichkeit. Hier wird kein Happy End erzwungen. Die Ressentiments sitzen zu tief, die Fremdheit ist zu groß. Denn Louis wollte auch den Bruch mit seiner Herkunft. Er sah die Flucht als Neubeginn, daher zitieren die Kinder, die sich als Louis und seine Geschwister in jung herausstellen, aus den großen Romanen von Maupassant, Balzac und Stendhal, in denen dies immer eine Rolle spielte, und so sagt Louis es dem Publikum: Jeder von uns will doch vor irgendetwas fliehen, nur manche trauen sich nicht. Als ihm dies alles bewusst wird, brüllt er aus voller Überzeugung: „Ich brauche keine Liebe und keine Zuneigung“, aber: „Ich will nicht sterben.“ Sein Lebensdrang hängt nicht an den anderen, es sind die Eindrücke der Natur, seine Wünsche, die ihn Angst vor dem Tod spüren lassen. Alle Versöhnungsversuche sind damit gescheitert.
Nach sehr textlastigen Rollen, wie in Jacques der Fatalist und sein Herr in dieser Spielzeit, muss Czeremnych hier vor allem durch seine pure Präsenz überzeugen, eine anspruchsvolle Aufgabe. Auch wenn er einen introvertierten Charakter darstellt, war sein Spiel bisweilen zu sehr zurückgenommen. Die Verzweiflung und Einsamkeit eines todgeweihten Mannes überzeugten nicht ganz.
Rebecca Große Boymann debütiert in diesem Stück am Theater Bonn. Ihre Darstellung der Schwester Susanne ist vor allem wegen der starken und wechselvollen Mimik ein Hingucker und trägt ihre unentschlossene Haltung zu ihrem Bruder gut zur Schau. Timo Kählert als der Bruder Anton verkörpert eine schwierige Figur, stets missgelaunt, sarkastisch, mit unkontrollierten emotionalen Ausbrüchen, die in ihrer Häufigkeit die etwas zu eindimensional machen.
Lena Geyer spielt Antons Ehefrau Kathrin, die fürchtet, dass der wieder aufgetauchte Bruder ihr Familienglück zerstören konnte, da ihr Mann Depressionen und Selbstmordphasen hinter sich hat und sie lange gebraucht hat, um „die Scherben zusammen zu kehren“. Sie spürt zwar, dass man Louis unrecht tut, will auch zwischen den Parteien vermitteln, kann sich aber ihm gegenüber nicht immer neutral verhalten.
Sophie Basse als Mutter ist kühl, beherrschend und analysierend: „Sie werden sich ungeschickt verhalten, weil sie Angst haben, dass du gleich wieder weg bist.“ Sie sieht zwar alle Bürden mit denen ihre Kinder kämpfen, tut aber nichts aktiv dagegen, sondern verharrt in ihrem Vorwurf darin, dass alles anders gekommen wäre, wenn Louis die traditionelle Rolle eines Familienoberhauptes übernommen hätte. Basse ist die Art Mutter, die sich keiner wünscht. Ihr Kummer gilt nicht ihren Kindern, sondern ihrem eigenen Schicksal, in dem der Mann zu früh starb. Auch bei Basse sind die Übergänge von rationaler Abgeklärtheit und überbordender Verzweiflung manchmal etwas hart geraten.
Die Kinderdarsteller sind die heimlichen Held*innen des Abends. Obwohl sie nicht allzu viel Text hatten, waren ihre Textpassagen inhaltlich am anspruchsvollsten und sie haben diese mit großer Professionalität gemeistert. Das Geflüster im Publikum um die Rezensentin herum bestätigte diesen Eindruck. Es spielen in abwechselnder Besetzung: Thomas Hoschek, Julian Letzel, Mio Röskens als das Kind Louis; Ophelia Eßer, Enie Federhenn, Anastasia Schröder und Galina Zubayrova als Kind Susanne; Joshua Ahrends und Anton Götz als Kind Anton.
Regisseur Max Lindemann und Dramaturgin Sarah Tzscheppan haben einen emotional aufgeladenen Abend gestaltet. Rührselig ist hier fast nichts geraten, eine Inszenierung ohne Effekte oder unnötigen Krimskrams (Ausstattung: Katja Pech). Der Vorlage ist es vielleicht geschuldet, dass die Konflikte etwas schemenhaft abgehandelt werden, dafür überzeugen die Zwischentöne der Kinderdarsteller*innen und die Interaktion zwischen Louis und dem Publikum – seinem Ersatzansprechpartner. Nachdem die Familie dazu nicht in der Lage ist, haben diese durchaus Unterhaltungswert und sorgen für eine fast komplizenhafte Stimmung zwischen Publikum und Schauspieler. Behutsam wurden zudem Texte des Schriftstellers Édouard Louisdem Geschehen hinzugefügt, die vor allem von den Kindern gesprochen werden und eine Art Interpretationshilfe sind, denn letztlich bleibt es den Zuschauern überlassen, sich zu fragen, warum Louis überhaupt noch einmal seine Familie aufsuchen wollte. Am Ende bleibt die Entfesslungsmetapher des Houdini stehen: entweder man befreit sich von den Fesseln oder man stirbt.
Rebecca Telöken



