Lassen Sie uns die Langeweile vertreiben!

Premiere von Jacques der Fatalist und sein Herr

Klassisch mutet das Bühnenbild an, das sich am Premierenabend dem Publikum präsentiert: Feine Tapete, geschwungene Stühle und das biedere Portrait eines Pferdes an der Wand (Bühne: Oliver Helft). Wir befinden uns offensichtlich nicht in der Gegenwart, sondern in der Vergangenheit, genauer, im Frankreich des 18. Jahrhunderts. Eine Epoche, in der hohe Perücken Mode waren und in der die Aufklärung ihren Anfang nahm. Wir reisen in die Zeit des Denis Diderot (1713 – 1784), des Autors des Romans „Jacques der Fatalist und sein Herr“, der seinerzeit für Furore sorgte, da er mit den bekannten Lesegewohnheiten radikal brach, inspiriert von berühmten Vorbildern wie Cervantes „Don Quichotte“ und Laurence Sterns „Tristram Shandy“. Der bei Größen wie Goethe und Hegel Bewunderung fand und immer wieder aufgegriffen wurde, egal ob von Bertolt Brecht, Hans Magnus Enzensberger oder Milan Kundera.

Das Publikum wird an diesem Premierenabend unmittelbar ins Geschehen hineingeworfen, weswegen es vielleicht ein paar Minuten braucht, bis jeder weiß, wo man sich befindet und wer dort spricht. Die Situation ist heikel: Der Diener Jacques hat den Bescheid erhalten, dass er hingerichtet werden soll. Sein Herr ist entsetzt, aber Jacques glaubt an das Schicksal – daher auch sein Beiname „Fatalist“ – und hält diese Entwicklung für unabänderlich, da alles bereits „da oben geschrieben“ stehe, wie er nicht müde wird immer wieder zu wiederholen. So nimmt er die Nachricht geradezu erschreckend gelassen hin.

Die Umstände, wie es zu dem Hinrichtungsbescheid kam, hängen, so viel wird deutlich, mit einer Liebesgeschichte zusammen. Die ist sein Herr nun begehrlich zu hören. Immer wieder fordert er Jacques auf, diese zu erzählen, doch wie das Schicksal so will, kommt er nie dazu, denn er wird immer wieder in seiner Erzählung unterbrochen, muss neu ansetzen, wiederholt sich, fügt Details hinzu usw.

Wer ist hier eigentlich Herr und wer Diener?
(Sören Wunderlich und Christian Czeremnych) Foto: (c) Matthias Jung

So die Ausgangslage. Was folgt, sind knappe zwei Stunden bester Unterhaltung, die die Lachmuskeln – und manchmal auch das Gehirnschmalz – des Publikums durchaus fordern, ohne dabei den kritischen philosophischen Diskurs über die Frage, inwieweit der Mensch sein Schicksal lenken kann, ob er einen freien Willen hat oder nicht, zu vergessen.

Lena Geyer, in wechselnden Rollen und so stets in Bewegung, übernimmt den Part des Erzählers, der im Prinzip als dritte Hauptperson fungiert. Ebenso wie die Protagonisten hadert sie zwischen zwei Möglichkeiten: die Geschichte so zu erzählen, wie sie wahrheitsgemäß verlief, oder sie so zu erzählen, wie sie es gerne hätte, dass sie verlief. Also auch hier ein Dilemma zwischen der Freiheit theoretisch es erzählen zu können, wie es ihr in den Sinn kommt und dem Zwang bei der Wahrheit zu bleiben.

Besonders auffällig sind in dieser Inszenierung die Kostüme, auf die manche Operninszenierung neidisch werden könnte (Kostüme: Adriana Braga Peretzki). Neben gigantischen, gleich mehrstöckigen Perückentürmen, die die Schauspieler*innen mit einem extra Band ums Kinn befestigen müssen, da die Gebilde eine recht wackelige Angelegenheit sind, sind die bauschigen, schimmernden und mit Rüschen bestückten Kleider der Damen, sowie die teils auffällig geschnittenen Anzüge der Herren ein wahrer Augenschmaus und nicht ohne symbolische Funktion. Diese zuerst der erzählten Zeit entlehnten Kleider verändern, je weiter der Abend voranschreitet, ihr Aussehen, werden nicht weniger augenfällig, aber moderner im Stil.

Auch das klassische Bühnenbild bricht auseinander – und zwar ab dem Punkt, an dem in die Erzählsituation zwischen dem Herrn und seinem Diener Jacques ein Zwischenspiel eingefügt wird. Es erscheint eine große Berglandschaft, zu der man beeindruckt hinaufblickt. Wie in der Mode bewegt man sich durch die Zeit auch im moderner werdenden Denken voran.

Dieses Zwischenspiel, in der die Geschichte der Madame Pommeraye (Sophie Basse) und ihres Liebhabers Marquis des Arcis (Janko Kahle) erzählt wird, ist der schauspielerische Höhepunkt des Abends. Dieses zentrale Zwischenspiel wurde seinerzeit sogar als Auszug für die Zeitschrift „Rheinische Thalia“ von Friedrich Schiller übersetzt, bevor erst knapp zehn Jahre später eine Gesamtübersetzung des Romans vorlag.

Madame und Marquis – zwei die sich nicht finden sollten (Sophie Basse und Janko Kahle) Foto: (c) Matthias Jung

Basse spielt mit großer Hingabe die Madame, eine Witwe von anfangs großer Tugendhaftigkeit, die sich am Marquis, dem sie ihr Herz schenkt und der sie fallen lässt, rächen will.

Sie schwärmt, intrigiert, herrscht und macht sich zur Lenkerin des Schicksals des Marquis, den sie als Vergeltung für ihre verschmähte Liebe mit einem Freudenmädchen verheiraten möchte, um so sein gesellschaftliches Ansehen zu ruinieren. Es macht großes Vergnügen, Basse bei der Umsetzung ihres perfiden Plans zuzusehen und Kahlo dabei, wie er sich immer lächerlicher macht, indem er umso verzweifelter dem Mädchen nachjagt, das die Madame für ihn ausgesucht hat.

Basse ist in dem Moment besonders stark, in dem sie merkt, wie ihre göttergleiche Macht, die sie glaubte zu besitzen, am Ende dahinschwindet, weil der Marquis trotz der Enthüllung der Vorgeschichte seiner Frau sich nicht glücklicher schätzen könnte, sie geheiratet zu haben.

Wenn der Marquis sagt: „Lassen Sie uns die Langeweile vertreiben“, so lässt sich dieser Satz auf die ganze Darstellung, vielleicht sogar den ganzen Abend anwenden.

Denn auch Sören Wunderlich, als namenloser Herr, der dem freien Willen anhängt, selbst aber sich völlig passiv dem Geschehen hingibt, und Christian Czeremnych als sein Diener Jacques, werfen sich wunderbar chaotisch und hitzig, wie im Ping-Pong, die Sätze gekonnt zu. Den Höhepunkt erreichen die Streitigkeiten der beiden, als schließlich das ganze Konzept von Herr und Knecht in Frage gestellt wird und so auch ein Moment der Menschlichkeit aufscheint. Die Kunst der beiden liegt darin, trotz aller Wiederholungen das Publikum bei Laune zu halten, was ihnen ohne Schwierigkeiten gelingt.

Regisseur Martin Laberenz und Dramaturgin Carmen Wolfram haben gut daran getan, Diderots Roman zu kürzen, was allein schon die Länge des Abends mit knapp zwei Stunden zeigt, denn die Verdichtung des Stoffes ermöglicht es dem Publikum, der Handlung (möchte man sie denn so nennen) überhaupt zu folgen. Im Roman wird Jacques’ Liebeserzählung immerhin 180 Mal (!) unterbrochen und von noch mehr Zwischenerzählungen gefüllt, was am Ende (noch) verwirrender ist, als das hier auf der Bühne präsentierte Geschehen.

Ähnlich wie bei der Premiere der derzeit auf der Werkstattbühne gezeigten „Die Möwe“ von Tschechow wurde sich für eine klassischere Herangehensweise entschieden, statt für eine Neuinterpretation. Textlich bleibt die Theaterfassung ebenfalls dicht an der Vorlage, Bezüge zur Gegenwart muss das Publikum nicht suchen, Hinweise darauf müssen auch nicht gegeben werden, denn die Frage, inwieweit der Mensch nach seinem freien Willen handelt, bewegt uns bis heute, ist eine mittlerweile auch in den Naturwissenschaften angekommene, immerwährende Frage.

Der Abend lebt von dem, was Diderot erdachte: Wiederholungen, schnelle Kostümwechsel (ein Louis de Funès-Zitat darf natürlich auch nicht fehlen), schlüpfrig-witzige Liebesabenteuern der Figuren und überraschende Wendungen bzw. Unterbrechungen und den Einsprengseln der philosophisch kritischen Disputationen zwischen Herr und Knecht.

Lange Belehrungen muss man nicht befürchten, das war nicht im Sinne Diderots, vielmehr sollen Zuschauer bzw. Leser*innen selbst den geäußerten Gedanken nachgehen, die verstreuten kritischen Anregungen in einer stillen Minute danach selbst rekapitulieren.

Gut unterhalten wird man in jedem Fall.

Rebecca Telöken

Die Heiratsvermittlung gestaltet sich als schwierige Angelegenheit (v.l.n.r: Janko Kahle, Sören Wunderlich, Christian Czeremnych, Lena Geyer und Sophie Basse) Foto: (c) Matthias Jung