Menschen sind Schweine

Gastspiel im Schauspielhaus

Am 14. Februar lieferte das Theater Bonn ein sehr sehenswertes „Gegenprogramm“ zum klassischen Valentinstag. Statt romantischer leichter Kost erwartete die Zuschauer im Schauspielhaus ein Gastspiel der American Drama Group mit ihrer Interpretation von George Orwells Animal Farm. Das Stück wurde auf Englisch gespielt.

(c) American Drama Group – Werbeposter für die Tournee

In der 1945 erschienen dystopischen Erzählung geht es darum, dass sich die Tiere einer englischen Farm gegen ihren Besitzer erheben und die Menschen von der Farm vertreiben. Ziel ist es, ein besseres Leben für die von der menschlichen Ausbeutung gezeichneten Tiere zu ermöglichen. Nach anfänglichen Erfolgen wandelt sich das Bild aber, denn einzelne Tiere (vor allem die Schweine) beginnen, ihre Macht auszubauen und im Endeffekt ein System errichten, dass zu schlechteren Lebensbedingungen für das Gros der Tiere führt als zuvor unter den Menschen.

Zunächst ist alles ganz harmlos. Nach der Revolution fangen die Farmtiere an sich zu überlegen, wie sie ihre neu gewonnene Freiheit nutzen wollen. Schon bald stellen sich die Schweine über die anderen Tiere, as the pig is the highest form of animals. Begründet wird diese Überlegenheit damit, dass die Schweine lesen und schreiben können. Comrade Napoleon setzt sich als Anführer an die Spitze der Tiere. Er selbst arbeitet nicht, sondern ist für die Führung der Farm verantwortlich und entwickelt sich im Verlaufe des Stücks immer mehr zu einem Diktator. So wird zum Beispiel der schlaue Idealist Snowball relativ schnell von Comrade Napoleon als Verräter betitelt, der mit den Menschen gemeinsame Sache machen soll und deshalb von der Farm verbannt wird. Snowball wird damit zum gemeinsamen Feind erklärt. Auch das festigt die entstehenden Strukturen und die Herrschaft der Schweine – ein gemeinsamer Feind.

Während immer mehr Konflikte über die begrenzten Ressourcen entstehen, wird die Organisation der Farm immer professioneller: Die Tiere benennen die Farm in Animal Farm um, geben sich eine Flagge und die Seven Commandments of Animalism. Zu diesen Commandments zählenRegeln, wie All animals are equal, No animal shall kill another animal und We must not become like man. Diese zunächst modernen Regeln werden allerdings schon sehr bald im Sinne der herrschenden Schweine „uminterpretiert“. So ziehen die Schweine bald in das Farmhaus um und werden insgesamt immer mehr wie Menschen. Auch die Gleichheitsregel lautet irgendwann nur noch All animals are equal but some are more equal than others. Irgendwann fangen die Schweine auch an, falsche Nachrichten zu verbreiten, um sich die Zustimmung der übrigen Tiere zu sichern. Es werden immer wieder einfache Lösungen angeboten, die von den restlichen Tieren gerne aufgenommen werden. Kaum eines hinterfragt diese angebotenen Lösungen und so werden viele zu Mitläufern.Zudem beginnen öffentliche Vollstreckungen von Todesurteilen gegen Tiere, die zugeben mit Snowball Kontakt gehabt zu haben. Damit wird auch diese Regel aufgeweicht zu No animal shall kill another animal without cause.

Erstausgabe der „Farm der Tiere“ von George Orwell, 1945. (c) Wikipedia

Neben den Schweinen um Comrade Napoleon und Snowball werden vor allem noch drei weitere Tiere in den Mittelpunkt gestellt: Da ist einmal der Hund, der sich bei Napoleon anbiedert und zu dessen untertäniger rechter Hand wird. Er hinterfragt nichts und fühlt sich sichtlich wohl in seiner machtvollen Rolle des Günstlings. Zusätzlich gibt es den fleißigen Boxer, der als starkes Pferd maßgeblich am Erfolg der Farm und an der Lebensmittelversorgung der Farm beteiligt ist. Er findet es zwar nicht gut, wie sich die Umstände entwickeln, meint aber, dass „die da oben es schon wissen müssten“. Er ist bereit, aufopferungsvoll für die gemeinsame Sache zu arbeiten, was er im Endeffekt auch tut. Am Ende ist Boxer alt und verbraucht. Er kann nicht mehr arbeiten, was bei ihm zu einer Sinnkrise führt. Letztendlich wird ihm von den Schweinen eine ruhige Rente zugesichert, die er aber nie bekommen wird, stattdessen wird er von den Schweinen exekutiert. Der Einzige, der Boxer tatsächlich nachzutrauern scheint, ist die Kuh. Insgesamt scheint die Kuh das einzige vernünftige Tier zu sein, welches auch einmal die Dinge hinterfragt. Sie traut sich allerdings nicht etwas zu sagen, denn Cows are not famous for being intelligent.

So geht das Leben auf der Farm seinen Lauf, neue Tiere werden geboren, die kein anderes System und keine Herrschaft der Menschen kennen. Sie kennen kein anderes Leben, als das, wo sie an die Grenzen des Erträglichen für die Schweine schuften. Um sich weiter zu bereichern, fangen die Schweine an, Handel mit den Menschen zu treiben. Insgesamt fühlen sie sich in der Gesellschaft der Menschen offensichtlich recht wohl. Am Ende ist kein Unterschied mehr zu erkennen. There is no difference between men and pigs.

Das eigentlich karge Setting auf der Bühne wird durch die tolle Performance der fünf Schauspieler zum Leben erweckt. Das Bühnenbild besteht lediglich aus Eisenstangen und Holzbrettern, die unterschiedlich zusammengesteckt werden können, um so manchmal den Stall, manchmal die Windmühle, aber auch Werkzeuge darzustellen. Es ist großartig zu sehen, wie erwachsene Männer die verschiedenen Tiere imitieren. Dabei waren vor allem die täuschend echten Tiergeräusche, vom Hundebellen, zum Muhen und zum Schnauben des Pferds, beeindruckend.

Am Ende des Stückes wird den Zuschauern von den Schauspielern noch eine starke Botschaft mit auf den Weg gegeben, die das Recht auf freie Meinungsäußerung in den Mittelpunkt stellt. Gerade dieses Recht wurde mit der Interpretation und Darstellung des Stücks auf sehr gelungene Weise ausgeübt.

Obwohl das Werk Orwells bald 80 Jahre alt ist, hat es kein bisschen an Aktualität verloren, vielleicht sogar dazu gewonnen. Alle großen Motive sind heute immer noch ein Thema. Angefangen von der Behandlung der Tiere, aber auch der Gastarbeiter auf der Farm, die nur unwesentlich besser leben als die Tiere, bis hin zu der Verleumdung freier Meinungsäußerungen und ihrer Deklaration als „Fake News“. Besonders wird dem Zuschauer vor Augen geführt, wie man ein auf Idealen beruhendes System durch schlaue Manipulation in ein gewaltbereites autokratisches System verwandeln kann. Die Grenzen erscheinen fließend und ein friedliches demokratisches politisches System umso fragiler und schützenswerter – vielleicht auch schutzbedürftiger.

Katharina Wigger

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