„Naja, sind ja gar nicht so viele…“

(Vorschaubild © Thilo Beu)

Die Installation RICE SHOW – OF ALL THE PEOPLE IN THE WORLD: BONN (ab Sa, 19Uhr) der britischen Künstlergruppe STAN’S CAFE löst bei den Besuchern kontroverse Reaktionen aus. 

„Och, dat is aber viel du!“ – „Puh… joa, dat is schon recht viel…“. Ein trüber Blick, ein kurzer nüchterner Gedankenaustausch und der Mann zieht seine Frau weiter. Weiter zum nächsten Reishügel. Schließlich tummeln sich in der zum Installationsschauplatz umfunktionierten Schreinerwerkstatt der Schauspielhalle Beuel noch zahlreiche andere Menschen, die zwischen Hobelbänken und Holzleisten umherspazieren, immer auf der Suche nach neuen Vergleichen und Schockmomenten in Form von Reisansammlungen in allen möglichen Größenformaten. Die Haufen verkörpern Fakten rund um das Thema Klimawandel mit dem Ziel, die Besucher der Installation zum Nachdenken anzuregen und ihnen spontane Reaktionen und Äußerungen zu entlocken. Die Themenauswahl ist vielfältig: Von „Klischeeaufregern“ wie aktueller Politik, Entwicklungsländern und Fußball über die kulturellen Bereiche Musik und Kunst bis hin zum Bonner Vergnügungshighlight „Pützchens Markt“ – kaum ein Aspekt entkommt hier der teils sehr bitteren statistischen Realität.

Die Initiative für die Installation mit dem Titel RICE SHOW – OF ALL THE PEOPLE IN THE WORLD: BONN stammt von der britischen Künstlergruppe Stan‘s Cafe, die sich 1991 in Birmingham formierte und seitdem als Zusammenschluss von Künstlern aus verschiedenen Disziplinen besteht. Je nach Thematik des aktuellen Projekts variiert die Besetzung der Gruppe, vorwiegend involviert sind Theaterschaffende.

An der Installation partizipieren die Schöpfer selbst, wenn auch sehr zurückhaltend: In ihren beigefarbenen Jacketts fallen die vier Personen zwischen den Kornbergen kaum auf; ihre einzige Funktion scheint es zu sein, still und leise Reis auszuwiegen und neue Häufungen zu erstellen. Vereinzelt sprechen Besucher die „unsichtbaren Hände“ an, die meisten lassen jedoch zunächst das Szenarium auf sich wirken oder beraten sich untereinander. So lassen sich etwa gedämpfte Gesprächsfetzen wie „So klassisch – so schön“ oder auch „Ich dachte jetzt eigentlich, hier wäre mehr“ aufschnappen – Äußerungen, die angesichts des eigentlichen Gehalts der Installation vollkommen fehl am Platz erscheinen: Jedes einzelne Reiskorn, das hier ausgestellt ist, symbolisiert ein Menschenleben. Vor diesem Hintergrund wirkt der beiläufige Kommentar eines an einem mit „Personen, die in Burma aufgrund der Überschwemmung vertrieben wurden (August 2015)“ betitelten Haufen vorbeischlendernden Mannes, „Naja, sind ja gar nicht so viele…“, im wahrsten Sinne des Wortes menschenverachtend. Hätten wir hier eine reale Menschenansammlung vor uns, hätte sich dann jemand getraut, diesen Gedanken laut auszusprechen? Vermutlich nicht. Und auch die Frau in Samtschuhen und Seidenhose, die sich gerade das Kaviar-belegte Häppchen in den Mund schiebt und ihrer Freundin zumurmelt: „Oh Gott, sooo viele Mc-Donalds-Kunden am Tag?!“ würde sich vielleicht im Angesicht der entsprechenden Menschenmenge ihr Urteil verkneifen.
Der Ansatz, den Stan‘s Cafe mit ihrer Reis-Installation liefert, ist sicherlich vollkommen richtig und ebenso angebracht. Und man erkennt an den Reaktionen, dass die beabsichtigte Wirkung nicht ausbleibt – fragt sich nur, ob in die gewünschte Richtung. Es bedarf seitens der Besucher in jedem Fall eines gewissen Maßes an Vorstellungskraft, um in den Reiskorn-Abstraktionen nicht nur totes Material zu sehen, sondern Lebewesen – oder konkret: Sich selbst.

Antonia Schwingen & Kim Sterzel

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