Die Brandstifter ohne Streichhölzer 

Ein Spiel von Vertrauen und Verantwortung

Mit „Biedermann und die Brandstifter“ (1958) nimmt das Bonner Theater nach „Die Odyssee“ und den „Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull“ Ende Oktober einen weiteren Repertoireklassiker in den Spielplan dieser Spielzeit auf. Das tragisch-komische Drama von Max Frisch ist nicht nur in regelmäßigen Abständen auf den Bühnen deutschsprachiger Theater zu sehen, auch aus dem Schullehrplan ist die Erzählung um Gottlieb Biedermann nicht mehr wegzudenken. Dass die leidige Pflichtlektüre des „Lehrstücks ohne Lehre“ vieler Schüler:innen einen Theaterbesuch wert ist, zeigt der so gut wie ausverkaufte Zuschauerraum der zweiten Vorstellung von Nuran David Calis’ Inszenierung im Schauspielhaus Bad Godesberg Anfang November. 

Biedermann ahnt zunächst nichts von der Gefahr auf seinem Dachboden. (Foto: Matthias Jung)

Als Vertreter der Bourgeoisie macht Gottlieb Biedermann (Christoph Gummert) seinem Namen alle Ehre: Gemeinsam mit seiner Frau Babette (Lena Geyer) lebt der erfolgreiche Fabrikant in einem großen Haus, in dem ihr Angestellter Anton (Jacob Z. Eckstein) penibel Ordnung halten muss. Ihr exklusiver Lebensstil spiegelt sich auch in der Kleiderwahl der Biedermanns wieder (Kostüme: Anna Sünkel): Während sich das Paar nur in den teuersten Einzelstücken in den grellsten Farben und Mustern und mit falschen Zähnen zeigt, trägt ihr Angestellter ein schlichtes Dienstoutfit mit Schürze und pastellfarbenem Hemd und Fliege. Auch die Berichte über die Brandstifter, die in der Stadt seit Neuestem ihr Unwesen treiben, können Biedermanns Idylle zwischen Designerklamotten und Silberbesteck nicht stören. Selbst als der wohlhabende Bürger zwei Unbekannte (Timo Kählert, Wilhelm Eilers), stets in der Farbe weiß der Unschuld gekleidet, in sein Haus einlädt und diese damit beginnen, Benzinkanister auf den Dachboden zu schleppen und Zündschnüre zu verlegen, versucht sich der Hausherr mit den potentiellen Brandstiftern anzufreunden. Während sich Biedermann weiterhin selbst belügt und sich hinter einer Fassade aus Toleranz und Selbstgefälligkeit in Sicherheit wiegt, begibt er sich schließlich sogar mit den Feuerteufeln zu Tisch… 

Zu Tisch mit den Brandstiftern. V.l.n.r. Timo Kahlert und Wilhelm Eilers als Brandstifter, Hausangestellter Anton (Jacob Z. Eckstein), Gottlieb Biedermann (Christoph Gummert) und seine Frau Babette (Lena Geyer). (Foto: Matthias Jung)

Schauplatz des Lehrstücks ist das schreiend bunte und extravagant eingerichtete Wohnhaus der Biedermanns (Bühne: Anne Ehrlich), das an die Suite eines Hotels in Las Vegas erinnert: Den gekachelten Boden mit Schachbrettmuster bedeckt ein flauschiger Teppich – ebenfalls mit Schachbrettmuster. Darauf thront ein bunt geblümtes Sofa. Die Wände sind in pink und blau gestrichen und stehen in Kontrast zu den quietschend gelben Stühlen in der Küche. Gekrönt wird der Regenbogen der Reizüberflutung mit einer grünen Beleuchtung (Licht: Thomas Tarnogorski). Mehr Spielfläche bieten die großzügige Fensterfront an der hinteren Bühnenwand sowie der gut einsehbare Dachboden in der Hochebene. Dieser wird nicht nur sichtbar von den Schauspieler:innen bespielt, sondern zusätzlich durch Live-Kameras (Video: Lars Figge) auf die Bildschirme links und rechts oben im Bühnenbild  projiziert. Unter den Bildschirmen laufen gelegentlich Schriftzüge wie „Lehrstück ohne Lehre“ durch. Zu beiden Seiten der Bühne gibt es etwas Platz für ein paar Mikrofonständer, von welchen aus die Dialoge im Haus der Biedermanns gelegentlich von außen durch gesprochene Chorpartien ergänzt werden. 

Das Ensemble überzeugt nicht nur durch seine Dialogsicherheit, die, stets an der Grenze zum Skurrilen, durch Max Frischs kontrastreiche Sprache hervorgehoben wird und die herrliche Absurdität der Unterhaltungen hörbar macht, sondern auch durch eine passend genaue Dosis Klamauk, die die Geschehnisse in ein tragisch-komisches Licht rückt. Auch während einiger potentiell langatmigen Szenen beweisen die Schauspieler:innen eine bemerkenswerte Ausdauer, Spontanität und glänzen durch ein nuanciertes Spiel. Zwischen dem Frisieren eines Teppichs und dem Rezitieren von Repliken aus Hofmannsthals „Der Jedermann“, gelingt es Ihnen, das Publikum immer wieder aufs Neue mit sich zu ziehen – und sich dabei zudem sehr musikalisch zu zeigen (Musikalische Leitung: Vivan Bhatti). Im Angesicht der bestechend unschuldigen Brandstifter in seinem Haus, schafft es ein brillanter Biedermann im Zwiegespräch mit der Gefahr immer wieder seine eigene artifiziell logische Argumentation und sich selbst dabei ad absurdum zu führen (Dramaturgie: Nadja Groß). 

Ordnung ist ihm wichtig: Biedermann (Christoph Gummert) bei der Teppichpflege. (Foto: Matthias Jung)

Dieses Kammerspiel macht nicht nur sehr viel Freude, sondern ermöglicht es gleichzeitig, den Ernst des Stoffes erfahrbar zu machen: Biedermann steht als Protagonist selbst, der die eindeutige Identität der Brandstifter in seinem Haus bis zum Schluss verleugnet, als eine Figur, die sich der Verantwortung entzieht und somit seine Augen vor der Wahrheit und der aktuellen auch für seine Mitmenschen gefährliche Bedrohung verschließt. Letztlich können die Brandstifter ihr Werk nur durch Biedermanns Ignoranz in seinem eigenen Haus verrichten. Calis’ Inszenierung zeigt deutlich, dass Frischs Lehrstück gerade heute keineswegs an Aktualität und Relevanz verloren hat und immer wieder neuen Interpretationsspielraum bietet. Obwohl Biedermann am Ende der eineinhalb kurzweiligen Stunden das Publikum fragt, was sie an seiner Stelle gemacht hätten und damit durchaus zu erkennen gibt, dass er den Ernst der Lage, wenn auch nur theoretisch, verstanden hatte: „Seit wann wussten Sie, dass es Brandstifter sind?“; so fühlt man sich im Zuschauerraum dennoch wie ein kleines Kind im Kasperle-Theater, das versucht mit lauten Rufen, den Helden vor der Hexe auf der anderen Seite der Bühne zu warnen – aber wie immer hört Kasperle auf keine Warnrufe. Als Biedermann auch noch selbst den Brandstiftern die Streichhölzer reicht (die sie natürlich zuhause vergessen haben) damit sie sein Heim anzünden, kann man zurecht sagen, dass das ein Lehrstück ohne Lehre ist. Die Brandstifter ohne Streichhölzer in einem Lehrstück ohne Lehre – ein äußerst gelungener Theaterabend mit Parabel und hervorragendem Spiel im Schauspielhaus!

Kim Sterzel

Babette Biedermann (Lena Geyer) versteht ihren Mann nicht mehr. (Foto: Matthias Jung)