AUF DER ASCHE DER VERGANGENHEIT

FREMD von Michel Friedman feiert Premiere in der Werkstatt

Wie ist das Leben in Deutschland? Wie ist es, wenn man als jüdischer Mensch kurz nach dem zweiten Weltkrieg in Deutschland lebt? Die Welt, so scheint es, ist grau, asphaltig und trostlos. Zumindest muss Deutschland so auf die junge jüdische Familie gewirkt haben, als sie aus Frankreich nach Deutschland zieht. So richtig verstehen, kann der kleine Sohn die Entscheidung seiner Eltern nicht. Was wollen seine Eltern im Land der Mörder, was versprechen sie sich?

Die drei Schauspieler*innen Julia Kathinka Philippi, Jakob Z. Eckstein und Riccardo Ferreira wirken in ihren altmodischen Wollkniestrümpfen und mausgrauen Pullovern (Ausstattung: Eva Lochner) wie kindliche Gefangene einer zwar offenen, aber kalten Welt. Man kann sich nicht richtig bewegen, immer muss man vorsichtig einen Schritt vor den anderen setzen, sonst könnte man fallen, und ob man dann noch einmal hochkommt? Der Asphalt über den sie laufen, wirkt wie Asche und erinnert an die Opfer der Schoah, die Risse im Boden sind wie Risse in der Biographie.

Die drei erzählen die Geschichte dieser jüdischen Familie im Nachkriegsdeutschland von Beginn an. Einer Familie, die keiner Namen bedarf, die aber an die Lebensgeschichte des Autors angelehnt ist. Erzählt wird von schönen Momenten der kleinen Familie, aber auch von einem Leben, besonders der Eltern, in das immer wieder die Schatten der Vergangenheit und Gegenwart einbrechen. So mischt sich in das schöne Gefühl des Kindes über den ersten Eisbecher der Anblick des weinenden Gesichts der Mutter. Und das Leben, das sie führen hat auch etwas, das weinen lassen kann: Nicht anerkannt sind sie, das Kind in Frankreich geboren, die Eltern ursprünglich aus Polen, in Deutschland – trotz der noch gar nicht weit zurückreichenden Ereignisse – werden sie zu Menschen, die geduldet, aber staatenlos und heimatlos sind, eben fremd, Menschen, die nicht dazugehören. Das Kind wird einen deutschen Pass erst kurz vor der Volljährigkeit erhalten – und ihn dann nicht mehr wollen.

Mutter, Vater, Kind. Kind, Mutter, Vater. Vater, Kind, Mutter. Julia Kathinka Philippi, Jakob Z. Eckstein, Riccardo Ferreira. Foto: (c) Matthias Jung

Der Autor ist Michel Friedman, ehemaliger CDU-Politiker, Jurist, zeitweiliger Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland und Talkmaster. 2003 sorgte die Friedman-Affäre für einiges Aufsehen, von der er sich aber schnell erholte. 2022 veröffentlichte er sein Buch FREMD – sein bisher einziger Prosa-Text, den Regisseurin Emel Aydoğu nun für die Bühne adaptiert hat.

Michel Friedman war bei der Premiere selbst anwesend und wirkte bei der Premierenfeier mit der Umsetzung äußerst zufrieden. Aydoğu hat durch eine ruhig dahinfließende Inszenierung, die nur gelegentlich durch laute Töne unterbrochen wird, einen sensiblen Weg gefunden, die lyrisch anmutende Sprache und die vielen im Text anklingenden Fragen zum Thema des Fremd-Seins in ein stimmiges Panorama zu verwandeln, das den Blick nicht nur in die Vergangenheit richtet, sondern (man muss sagen leider) zugleich auch den Finger in die Wunde der heutigen Gesellschaft legt.

Besonders deutlich, aber im Stück nicht eigens aufgenommen, macht dies auch der im Programmheft abgedruckte Text von Carolin Emcke, die 2016 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhielt. Sie plädiert darin für offene Gesprächsräume – Räume in denen alles gesagt werden kann, auch wenn es weh tut, in denen das Gespräch aber nie abbricht.

Die Möglichkeit mit jemanden zu reden, genau dies scheint Friedmans Figuren zu fehlen. Das Kind, das später selbst alt ist, wird wenig Chancen haben, mit jemanden zu sprechen und noch weniger wird es die Chance bekommen, das enge Deutschland zu verlassen. Die eigenen Eltern hindern es, mit einem Visum nach Amerika zu reisen.

Vom Leben gezeichnet. Foto: (c) Matthias Jung.

Daher wirkt der Theaterabend wie ein Monolog, den das Kind mit dem Publikum führt – aber eben nur ein Monolog. Trotz zarter Annäherungsversuche durch direkte Ansprache an das Publikum bleibt die unsichtbare Mauer bestehen, das Publikum bleibt Zuhörer, stumm.So sind die ersten und letzten Worte des Kindes „Ich bin auf einem Friedhof geboren“ sowohl traurige Vergangenheit, Gegenwart und mit zu befürchtender Sicherheit auch die Zukunft vieler Menschen, die nach Deutschland kommen, hier leben, aber hier „fremd“ bleiben.

Musikalisch wird das Ensemble einfühlsam von Yotam Schlezinger begleitet, der nicht nur atmosphärische Hintergrundmusik liefert, sondern in besonderen Momenten singt er auch auf Hebräisch. Zum Beispiel das bekannte Abzähllied Echad Mi Yodea, das an Pessach angestimmt wird und dessen erste Sätze lauten „Wer kennt einen? Ich kenne einen.“ Und wen kennen wir, möchte man fragen.

Trotz der bisweilen bedrückenden Schilderungen einer Kindheit in der Fremde und des düsteren Zukunftszeugnisses, fand Friedmans Text und Aydoğus Inszenierung großen und begeisterten Anklang. Es gab viele „Vorhänge“ und langanhaltenden Applaus. Ein fordernder Abend, der zum Nachdenken über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unserer Gesellschaft aufruft.

Rebecca Telöken