WELCOME TO PARADISE LOST in der Brotfabrik – eine Nachbetrachtung
Es hat lange gedauert, bis das Ensemble von Theater Rampös endlich die Premiere von WELCOME TO PARADISE LOST in der Brotfabrik feiern konnte. Verschiedene Widrigkeiten hatten den ursprünglichen Premierentermin um mehr als ein Jahr nach hinten verschoben. Wegen eines Krankheitsfalls im Ensemble musste dann auch noch die letzte Vorstellung abgesagt werden – bei drei Spielterminen besonders bitter. Aber das wusste das Premierenpublikum am ersten Abend nicht, sonst wäre vielleicht die Vorfreude im vollbesetzten Saal noch größer gewesen, als sie sowieso schon war, als die fünf Schauspielerinnen die Bühne betraten. Wobei „betraten“ vielleicht das falsche Wort ist, denn sie warteten bereits auf das hereinströmende Publikum.
Hinter großen Hügeln, bestehend aus tausenden von Papierschnipseln, im Dunkeln verborgen, tapsten die Darsteller mit Taschenlampen bewaffnet hervor, um dem aufmerksam lauschenden Zuschauern ihre Geschichte zu erzählen. Die Geschichte einer Suche und eines Kampfes – zwischen Menschen und Vögeln.
Angelehnt ist das Theaterstück von Falk Richter an eine mittelalterliche Sufi-Dichtung von Farid ud-Din Attar. Darin treffen sich die Vögel zu einer Konferenz, um gemeinsam einen neuen König zu suchen. Bei dieser Suche sind sie auf Hilfe angewiesen und möchten einen Weisen befragen, der Simurgh genannt wird, und weit entfernt lebt. Nach und nach sagen aber immer mehr Vögel, die erst begeistert die Reise mit antreten wollten, ab – unter den wildesten Ausreden. Nur ein kleiner tapferer Kreis bricht schließlich auf.
In der Adaption von Richter wird diese Erzählung zu einem Märchen umgewandelt und ausgeweitet – dialogisch zwischen Vögeln und Menschen. Die Tiere durchqueren verschiedene Landstriche und Täler, die alle sprechende Namen tragen wie Tal des Wachstums, Tal der Überforderung, Tal der Stille. Dort begegnen sie Menschen, mit denen Sie ins Gespräch kommen. Chorisch stellen sie immer wieder dieselbe Frage: „ Was macht ihr da? Warum macht ihr das?“ und schildern, wie die Menschen mit ihrem Verhalten ihren Lebensraum zerstören. Da wird Glyphosat auf Wiesen und Felder gekippt, um sie für das Gras leerzuräumen, damit dieses schneller wächst und die Bauern es bis zu acht Mal ernten können. Denn in China ist das Milchpulver aus Europa begehrt, für die die Kühe das Gras fressen müssen. Gleichzeitig wird die Erde vergiftet und haben die Vögel keine Chance mehr, Nahrung und Brutplätze zu finden.
Das Drama: Die Menschen sind sich zwar ihres unheilvollen Tuns bewusst, können sich aber nicht aufraffen, davon abzulassen. Ihre Lethargie geht auf Kosten der Natur. Letztlich suchen sie ihr Heil in Ausreden – so wie die mutlosen Vögel in der Dichtung.
Ganz im Weiß der Unschuld gekleidet, schleudern die fünf Schauspielerinnen Kerstin Gröger, Lea Münster, Stephanie Oeynhausen, Johanna Scharfenberg und Daria Yazdanyar dem Publikum ihre Vorwürfe und Anklagen ins Gesicht. Immer wütender werden die sonst so friedfertigen Vögel im Angesicht ihrer Machtlosigkeit – eine Rebellion im Sinne Hitchcocks scheinen sie aber nicht als Möglichkeit in Betracht zu ziehen.
Der spielerische Höhepunkt findet sich gegen Ende in einem resignierenden Monolog, der gleichwohl die Welt nicht aufgeben will, den Wunsch nach Freiheit und nach einer guten, in Frieden miteinander lebenden Welt besonders hervorhebt.
Dass dieser Schritt aber nicht von denjenigen getan werden kann, die mutlos sind und zu der großen Gruppe derer gehören, die die Reise der Vögel, diesen Versuch, die Welt zu verändern, nicht antreten, wird ebenfalls deutlich. Politikverdrossenheit scheint durch Sätze hindurch wie „Ich geb meine Stimme ab und dann ist sie ja weg, die Stimme, und hat dann auch nix mehr zu sagen.“ Daher wehrt sich eine bis zum Platzenmit Schnipseln des Kapitalismus gemästete Welt am Ende gegen ihre Peiniger – eine Kriegserklärung gegen die Menschen.
Der Text wurde im Rahmen einer Auftragsarbeit des Deutschen Nationaltheater Weimar verfasst. Dass Klimawandel und Umweltzerstörung wachsende Probleme sind, wissen wir alle, gleichwohl geraten sie angesichts der derzeit von allen Seiten drohenden Kriege immer weiter aus dem Blick, weswegen der ein oder andere Erinnerungsruf wichtig bleibt.

Bei allen aufrüttelnden Appellen und dem leidenschaftlichen Spiel der Schauspielerinnen verliert sich der Text leider etwas oft in reine Anklagesalven und moralischen Forderungen. Zu viele Themen, die zwar alle miteinander verbunden sind, dem Text aber mehr aufbürden, als er tragen kann, werden von Richter hineingepackt. Wir hatten hier den Umweltaspekt hervorgehoben, aber auch das Thema Flüchtlingskrise ist zentral, da die Vögel bei ihrer Reise die Meere mit den Flüchtlingsbooten überqueren und das Elend des Sterbens mitansehen. Ebenso wurde immer wieder die Frage von Kollektiv und Individuum in die durchaus bissigen, bisweilen geradezu bösen Monologe und Dialoge eingeflochten. Diese Welle von Problemen und Anklagen erreicht zwar sicherlich den gewünschten Effekt des schlechten Gewissens beim Zuschauer, droht aber zugleich, dieses nach einer Weile abstumpfen zu lassen. Zu oft hat man es schon gehört und die Bilder toter ertrunkener Flüchtlingskinder am Strand gesehen. Es ist bitter, aber leider wahr: Diese Grausamkeiten berühren einige nicht mehr. Man ist mit der Vielzahl an Problemen überfordert.
Die dem Märchen entlehnten prosaischen Texte treffen dagegen auf emotionale Weise und lassen die Phantasie wach werden. Die Landschaften ferner Traumwelten ziehen am inneren Auge vorüber und beschwören eine Welt am Rande des Untergangs, die eine Furcht auslöst, die jedes nüchtern zahlentechnische Faktum blass aussehen lässt.
Regisseur Markus Weber hat mit seiner Truppe eine mit einfachen Mitteln wirksame Inszenierung auf die Beine gestellt für einen fordernden Text mit. Gerade die erst statisch anmutenden Schnipselberge entpuppten sich als äußerst vielseitiges Einsatzmittel, beispielsweise als Nestbaumaterial, als zu pflügender Ackerboden oder als Kanonenfeuer. Die sparsame Verwendung von Requisiten und Kostümen, dazu die passende Lichtstimmung gibt dem viel Raum, vielleicht manchmal etwas zu viel.
Aber sehr viel mehr braucht es nicht, denn die eigentliche Arbeit macht das Märchenerzählen, auch wenn dieses kein typisches glückliches Ende für die Zuschauer bereithält, aber die Hoffnung, dass es noch nicht vollkommen zu spät dafür ist, endlich etwas zu ändern, man muss sich nur endlich auf den Weg machen.
Rebecca Telöken

