DIE UNBEKANNTEN FAMILIENGESCHICHTEN

Es ist eine ganz persönliche Lesung, die Dramaturgin Nadja Groß für die Besucher*innen im Schauspielhaus organisiert hat. Die „Daughters and Sons of Gastarbeiters“ waren am 16. Januar in Bonn zu Gast. Vier von ihnen präsentierten ihre persönlichen Geschichten – alles unter dem Titel „Neue Geschichten von damals“.

„Daughters and Sons of Gastarbeiters“ – das ist ein Autorenkollektiv, das 2015 von Çiçek Bacik und Ferda Ataman in Berlin gegründet worden ist. Die Autor*innen unterschiedlicher Herkunft schreiben meist autobiografische Geschichten aus ihrer eigenen Familienbiografie. Die Idee: Die Geschichten von Gastarbeiter:innen sollen keine Besonderheit mehr sein, sondern als normaler Teil deutscher Geschichte bekannt werden als Teil der Erinnerungskultur. Oder wie Autorin Nilüfer Şahin es bei der Lesung in Bonn formulierte: In den letzten 60 Jahren habe man es versäumt, sich einander vorzustellen…

Italienische Gastarbeiterinnen in der Schokoladenfabrik Stollwerk, Köln. Bundesarchiv, B 145 Bild-F013093-0001 / Unterberg, Rolf / CC-BY-SA 3.0 via Wikipedia

Und so präsentieren auch die vier Autor:innen in Bonn ganz persönliche und berührende Geschichten. Es geht um ihren eigenen Lebensweg, den ihrer Eltern aber auch die Beziehung zu den Eltern. Die Gemeinsamkeit der Geschichten: die Elterngeneration sind Gastarbeiter:innen, sie sind also in den 50er oder 60er Jahren nach Deutschland eingewandert. In der Nachkriegszeit hatte Deutschland aus verschiedenen Ländern Menschen angeworben, um den Fachkräftemangel zu bekämpfen. Entsprechende Abkommen gab es 1955 mit Italien, 1960 mit Spanien und Griechenland, 1961 mit der Türkei, 1963 mit Marokko, 1964 mit Portugal, 1965 mit Tunesien sowie 1968 mit Jugoslawien. Der umgangssprachliche Begriff Gastarbeiter:innen geht darauf zurück, dass eigentlich angedacht war, dass die angeworbenen Arbeiter:innen irgendwann wieder in ihr Heimatland zurückkehren. Viele von ihnen blieben aber und holten ihre Familien auch nach Deutschland. 1973 gab es dann einen Anwerbestopp. Bis dahin waren 14 Millionen Menschen eingereist – 11 Millionen von ihnen gingen wieder zurück. (Quelle: https://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/270369/gastarbeiter)

Ihre Kinder und Enkel leben seitdem in Deutschland – manche von ihnen erzählen jetzt die Geschichten der Gastarbeiter:innen, eben als „Daughters and Sons of Gastarbeiters“. In Bonn waren das Nilüfer Şahin (Vom Ruhrgebiet ins Paradies), Dr. Manuel Gogos (Vater Hunger), Meltem Acartürk (Wohin die Winde wehen) und Kolja Unger (13 Kilo Feigen). Da alle diese Geschichten in kommenden Lesungen noch einmal vorkommen können, sei hier vielleicht nur „Vater Hunger“ exemplarisch kurz vorgestellt: Es geht um die Vater-Sohn-Beziehung zwischen Manuel Gogos und seinem Vater. Der war aus Griechenland nach Deutschland gekommen, hatte dort erst wirtschaftlichen Erfolg, dann aber auch Verluste erlitten. Daher ging schließlich wieder zurück nach Griechenland. Die Geschichte spielt ungefähr in dem Moment, in dem die Familie nach dem Tod des Vaters die Wohnung aufräumt. Durch Rückblenden und den Blick auf den eigenen Sohn ist es  eine Reise durch die Vaterbeziehung.

Alle vier hatten zusätzlich Fotos aus der Zeit ihrer Erzählungen mitgebracht und an die Wand projiziert. So erhielten die Protagonist:innen der emotionalen Geschichten auch ein Gesicht. Und wer den Abend nicht selbst miterleben konnte, kann sie dennoch kennenlernen: Es gibt einen Sammelband mit den Geschichten des Autorenkollektivs, der den Titel „Grenzerfahrungen“ trägt und im Verlag Yilmaz-Gunay bestellt werden kann.

Tabea Herrmann

Weiterführende Links:

http://www.gastarbeiters.de/

„Grenzerfahrungen“ https://www.yilmaz-gunay.de/index.php/9-aktuell/118-978-3-98-172270-3-grenzerfahrungen

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